Bayerisches Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung (BZeFK)
Der Forschungsverbund „Bayerisches Zentrum für Friedens- und Konfliktforschung“ (BZeFK) ist ein vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördertes Regionalcluster der Friedens- und Konfliktforschung. Mit seiner Vernetzungsarbeit in der Deutungskämpfe-Forschung und einem Fokus auf den Transfer der Expertise im Feld der Konfliktbearbeitung und Friedensforschung zielt das Zentrum auf die weitere Stärkung und strukturelle Verankerung der Friedens- und Konfliktforschung in Bayern. Anknüpfend an die langjährigen Arbeiten des Augsburger Lehrstuhls für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung und die erste BZeFK-Förderphase (2022-2026) steht eine praxisorientierte, inter- und transdisziplinäre Forschung zu sozialen Konflikten und den Bedingungen des Friedens im Mittelpunkt des Zentrums. An dem nun bis März 2028 verlängerten Forschungsverbund zum Thema „Deutungskämpfe im Übergang“ sind Wissenschaftler*innen der Universitäten Augsburg, Bayreuth sowie des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin beteiligt. In Augsburg stehen Deutungskämpfe um Verantwortung in den Diskursen um sexualisierte Gewalt im Mittelpunkt des Forschungsinteresses sowie die Fortführung des Transferzentrums Frieden Augsburg (TFA).
Eine Theorie der Dritten
„Eine Theorie der Dritten. Bystander als konstitutive Akteursposition in Gewaltkonstellationen. Eine sozialwissenschaftliche Rekonstruktion und ihre Schlussfolgerungen für Prävention, Intervention und Aufarbeitung“ (Arbeitstitel)
Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Rolle von „Dritten“ in Gewaltkonstellationen – insbesondere im Kontext sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend – sozialwissenschaftlich zu rekonstruieren und theoretisch weiter auszuarbeiten. Ausgangspunkt ist die in den letzten Jahrzehnten deutlich ausdifferenzierte Gewaltforschung, die Gewalt zunehmend als interaktives, situatives und sinnhaftes Geschehen versteht (vgl. Sofsky 1997; Collins 2008; Reemtsma 2008; Koloma Beck 2017; Hoebel/Knöbel 2019). An diese Entwicklungen anschließend richtet das Projekt den Fokus auf jene Akteurspositionen, die jenseits der unmittelbaren dyadischen Beziehung von Tatpersonen und Betroffenen angesiedelt sind und in vielfältiger Weise an Gewaltkonstellationen beteiligt sind. Im Zentrum steht die Annahme, dass Dritte – etwa als Peers, Fachkräfte, Angehörige oder institutionelle Akteur:innen – wesentlich zur Hervorbringung, Stabilisierung, Transformation oder Unterbrechung von Gewalt beitragen können. Ziel ist es, Bystander als relationale und dynamische Akteursposition zu konzeptualisieren, die zwischen Handlungs(ohn)macht situativen Dynamiken und strukturellen Rahmenbedingungen vermittelt (Agency). Das Projekt knüpft dabei an triadische Ansätze der Gewaltforschung (vgl. Reemtsma 2008; Koloma Beck/Schlichte 2018; Hartmann 2019) sowie an sozialtheoretische Überlegungen zur Figur des Dritten (vgl. Bedorf et al. 2010) an und verbindet diese mit interpretativen und rekonstruktiven Zugängen, insbesondere Agency- und Positioning-Analysen (vgl. Lucius-Höhne/Deppermann 2004; Helfferich 2012; Kruse 2015). Empirisch basiert die Arbeit auf einer qualitativ-rekonstruktiven Sekundäranalyse dreier Datensätze aus den Bereichen Prävention, Intervention und Aufarbeitung. Der wissenschaftliche Beitrag des Projekts liegt darin, bestehende theoretische Perspektiven auf Gewalt um eine systematische Analyse der Rolle Dritter zu ergänzen und diese empirisch zu fundieren. Zugleich zielt das Projekt auf praxisrelevante Implikationen, indem es Ansatzpunkte für Prävention, Intervention und Aufarbeitung entwickelt, die die komplexen Deutungs- und Handlungssituationen von Bystander:innen berücksichtigen (vgl. Banyard 2011; Labhardt et al. 2017). Damit versteht sich die Arbeit als Beitrag zur weiteren Differenzierung und Integration aktueller Debatten in der Gewaltforschung sowie zur evidenzbasierten Weiterentwicklung entsprechender Literatur.
Dynamiken sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen: Erkennen, Verstehen und Handeln
Wie wirken soziale Dynamiken unter Peers in Bezug auf sexuelle Übergriffe unter Jugendlichen? Und wie können wir Jugendliche dabei begleiten, sichere, respektvolle Begegnungen zu gestalten?
Die Adoleszenz ist eine Hochrisikophase für sexualisierte Gewalt, in der mehr als die Hälfte der Jugendlichen entsprechende Erfahrungen macht und rund 70 Prozent Übergriffe in ihrem Umfeld beobachten. Am häufigsten finden diese Übergriffe unter Gleichaltrigen und im vertrauten sozialen Raum statt – etwa in der Schule, im Freundeskreis oder in Beziehungen.
Mit diesem aktuellen und gesellschaftlich relevanten Thema beschäftigt sich das Projekt „Dynamiken sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen“. Der Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universität Augsburg kooperiert hierfür mit der Technischen Hochschule Augsburg (Prof. Janine Linßer) in der Entwicklung, Konzeption und Verbreitung des offenen Online-Kurses „Dynamiken sexualisierter Gewalt unter Jugendlichen: Erkennen, Verstehen und Handeln“ im Rahmen der Virtuellen Hochschule Bayern (vhb).
Der Kurs basiert auf Ergebnissen mehrerer bundesweiter, vom BMBF geförderter Forschungsprojekte wie CHAT, SP:PAS und PAD, durchgeführt unter anderem vom DJI, BIÖG, DGfPI und SoFFI F., die sich mit der Prävention sexualisierter Gewalt im Jugendalter befassen. Diese Projekte zeigen: Jugendliche erkennen sexualisierte Gewalt häufig als Problem und sehen sich in der Verantwortung – aber sie tun sich in konkreten Situationen schwer mit der Einschätzung, und es fehlt ihnen an Handlungssicherheit. Vorbilder und Ansprechpersonen spielen hier eine zentrale Rolle als Begleiter*innen, um sichere Räume und Handlungsmöglichkeiten für die Jugendlichen anzubieten. Genau hierfür wurden im Projekt CHAT praxisorientierte Inhalte wie Fallvignetten, Rollenspiele und Reflexionsanregungen entwickelt und als wirksam evaluiert.
Diese fließen in den Kurs ein, ergänzt durch Kapitel zu rechtlichen und digitalen Aspekten sowie durch Hinweise auf Anlaufstellen und aktuelle Forschung. Ziel ist es, Fachkräfte, Studierende, Interessierte und Begleitpersonen im Umgang mit Jugendlichen zu diesem Thema zu stärken.
KURSPROFIL UND ZIELGRUPPE
Der Kurs wird im Rahmen der vhb gefördert – einer gemeinsamen Plattform bayerischer Hochschulen für hochwertige, digitale Lehre. Die Kurse der open vhb sind offen zugänglich, kostenlos und erfordern keine Einschreibung. Der Kurs richtet sich insbesondere an Studierende und Praktiker*innen aus Bereichen wie Sozialer Arbeit, Erziehungswissenschaften, Lehramt, Psychologie, Sozialwissenschaften sowie an Lehrkräfte, Fachkräfte und Ehrenamtliche verschiedener Felder, etwa Bildungsträger oder die (stationäre) Kinder- und Jugendhilfe, Jugendverbands- und Vereinsarbeit. Darüber hinaus steht der Kurs allen Interessierten offen.
Der Kurs versteht sich als Einstieg in das Thema sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen. Er soll wissenschaftlich fundiertes Wissen vermitteln, eine Auseinandersetzung mit dem Thema ermöglichen, Handlungssicherheit fördern, Strategien reflektieren und dazu beitragen, dass sich Teilnehmende in ihrer pädagogischen Praxis sicherer fühlen. Ziel ist es auch, eigene Grenzen besser wahrzunehmen und Schutzstrategien zu entwickeln. Der Kurs wird niedrigschwellig und kostenfrei zugänglich sein über die Plattform open vhb (https://open.vhb.org/). Eine Einschreibung oder Prüfungsleistung ist nicht erforderlich.
Wichtig: Der Kurs ist keine therapeutische Maßnahme oder Beratungsstelle. Bei eigenen Betroffenheiten oder Anzeichen psychischer Belastung wird empfohlen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
In akuten Fällen:
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 22 55 530
(Mo., Mi., Fr.: 9.00 bis 14.00 Uhr & Di., Do.: 15.00 bis 20.00 Uhr), bundesweit, kostenfrei und anonym erreichbar.
https://www.hilfe-portal-missbrauch.de/startseite,
https://www.nummergegenkummer.de/
https://nina-info.de/
AUSBLICK, TRANSFER IN DIE PRAXIS UND DISSEMINATION
Das Projekt versteht sich als Beitrag zu einer praxisnahen Wissenschaftskommunikation. Ziel ist es, Erkenntnisse aus der Forschung nicht nur in der Wissenschaft zu diskutieren, sondern gezielt in die Fachpraxis, die Hochschullehre und den öffentlichen Diskurs zu bringen. Dies wird durch das Transferzentrum Frieden Augsburg (TFA) unterstützt.
So leistet der Kurs auch einen Beitrag zur Friedens- und Konfliktforschung, wie sie am Lehrstuhl für Politikwissenschaft in Augsburg verstanden wird: reflexiv, gesellschaftsorientiert und handlungsbezogen. Durch den Dialog mit der Praxis kann Forschung dazu beitragen, Schutzprozesse weiterzuentwickeln, pädagogische Handlungssicherheit zu fördern und Jugendlichen stärkende Strukturen im Alltag zu bieten.
Trialogischer Transfer von Konfliktexpertise
Das vom Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung initiierte und entwickelte Projekt „Trialogischer Transfer von Konfliktexpertise“ setzt die Methodologie Partizipativer Konfliktforschung bezogen auf Konfliktbearbeitung in Kommunen um. Das Projekt zielt auf den Austausch von Wissen und Erfahrungen zwischen der Praxis, etwa den Mitarbeitenden des Büros fur kommunale Prävention der Stadt Augsburg, der Wissenschaft - hier dem Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung der Universitat Augsburg - und Konfliktberaterinnen, etwa des „Forum Ziviler Friedensdienst“. In dessen Programm „Kommunale Konfliktberatung“ sind Menschen tätig, die ihre Konfliktexpertise dort zur Verfügung stellen, wo die Konfliktbeteiligten in Städten und Kommunen selbst keine Möglichkeit mehr sehen, ihre Konflikte konstruktiv zu bearbeiten, und sich deshalb von Konfliktberaterinnen unterstützen lassen. Praxis, Wissenschaft und Beratung verfügen über unterschiedliche Konfliktexpertise und können im Trialog - einem „Dialog“ zwischen drei Beteiligten - voneinander lernen. Dieser Trialogische Transfer von Konfliktexpertise fand 2022 in drei Formaten statt:
Über die Homepage „ konfliktexpertise.de“, die vom Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung gemeinsam mit dem Augsburger Büro fur Kommunale Prävention entwickelt wurde, auf welcher der Austausch in einem öffentlich sichtbaren Format stattfindet, um unmittelbar für weitere Praktikerinnen, Beratungseinrichtungen und Wissenschaftlerinnen zugänglich zu sein und weit über Augsburg hinausreichende Vernetzungen, Erfahrungsaustausch und Forschungszugänge zu ermöglichen.
Mit einem halbtägigen Onlinetreffen, bei dem eine erste Vernetzung von Praktikerinnen, Beraterinnen und Wissenschaftlerinnen, die über Expertise im Themenfeld verfügen, stattfand. Dabei erfolgte u.a. eine Sammlung von aktuellen Themen und Fragen aus der kommunalen Konfliktbearbeitung. Anschließend wurde in drei festen Arbeitsgruppen die eigene Expertise zu den Themen geteilt und dann alle Inhalte des Onlinetreffens in einem ausführlichen Protokoll festgehalten.
Eine zweitägige Präsenzveranstaltung in Augsburg zur vertieften Auseinandersetzung in wechselnden Kleingruppen mit drei Themenbereichen, die sich aus dem Onlinetreffen herauskristallisiert hatten und auch für die kommunale Konfliktbearbeitung in Augsburg von besonderer Relevanz sind: Voraussetzungen für eine nachhaltige Konfliktbearbeitung; Konfliktverständnisse und Konzepte der Konfliktbearbeitung; Partizipation in Konflikten und in der Konfliktbearbeitung.
Angeregt durch den vielfaltigen trialogische Austausch und die sehr produktive Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis, hier dem Lehrstuhl für Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung und dem Büro für Kommunale Prävention der Stadt Augsburg, entstanden am Ende des Präsenztreffens unter den Beteiligten bereits neue Arbeitsgruppen und Projektideen, wie der Transfer von Konfliktexpertise zur weiteren Verbesserung der Praxis beitragen kann und zugleich die Wissenschaft von den Erkenntnissen und Erfahrungen der Praktikerinnen und Berater*innen profitiert, gerade in einem praxisorientierten Forschungsfeld wie der Friedens- und Konfliktforschung.
Die Konfliktberatung reflektierte während des Austauschs ihre Beratungspraxis im Lichte der Theorieentwicklung in der Konfliktforschung und der Praxiserfahrungen in unterschiedlichen Kontexten. Praktikerinnen stellten ihr Wissen und ihre Erfahrungen der Konfliktbearbeitung in den Kontext von Beratungskonzepten und Konflikttheorien, reflektieren ihre Expertise auf diesem Wege und leisten so auch Beiträge, Konflikttheorien und Beratungskonzepte weiter zu denken. Wissenschaft gewann Zugang zum Verstandnis von Konfliktbearbeitung in der Praxis, konnte den unmittelbaren Transfer theoretischen Wissens in Beratung und Praxis beobachten und neue Forschungsinteressen und Forschungsbedarfe ermitteln. Insbesondere eröffnen sich durch das Transfer-Projekt für den Lehrstuhl neue Perspektiven und Möglichkeiten der weiteren Zusammenarbeit mit Praxispartnerinnen für eine partizipative Konfliktforschung.
Das Projekt wurde im Jahr 2022 finanziell gefördert durch „ Wissenstransfer Region Augsburg“.